Aufgabe 2 — Theorien + Grenze
Übergeneralisierung („schlaffen", „gehen kaputt") — erklärbar mit Chomsky (das Kind erschließt eine grammatische Regel und überträgt sie auf nicht-passende Verben) und Tomasello (Mustererkennung aus dem sprachlichen Input). An die Grenze stößt Skinner, weil Nora die Form „schlaffen" nie gehört hat — reine Imitation + Verstärkung kann das nicht erklären.
Pendelblick / Triadische Interaktion — erklärbar mit Tomasello: geteilte Aufmerksamkeit als Voraussetzung jeden Spracherwerbs; Theory of Mind ab ca. 12 Monaten.
Recasting durch Jule — erklärbar mit Bruner (LASS): Bezugsperson liefert den sozialen Stützrahmen, greift kindliche Äußerung auf und modelliert die korrekte Form ohne Bloßstellung.
Aufgabe 3 — Beurteilung Jule
Stärken (sprachförderlich):
- Sie geht aktiv in die geteilte Aufmerksamkeit (Tasse hochhalten + Blick) — Tomasello-konforme Triadik-Praxis.
- Sie korrigiert „schlaffen" durch Echo / Recasting, nicht durch Tadel — klassisches Scaffolding nach Bruner. Übergeneralisierung wird als Lernzeichen behandelt, nicht als Fehler.
- Sie nimmt die Holophrase „Hier!" als vollwertige Sprachhandlung an und antwortet inhaltlich.
Verschenkte Lernchance:
- Bei „Becher gehen kaputt!" liefert sie das richtige Verb („gefallen"), aber sehr knapp — sie könnte den Satz ausbauen („Der Becher ist vom Teppich gerollt — schau, da liegt er …"), das wäre kompletteres Scaffolding.
- Auf „Jule helfen?" reagiert sie im Protokoll nicht sichtbar — gerade eine Bitte verdient ein bewusstes Aufgreifen und Benennen.
Fachliche Pointe: Jule handelt überwiegend sprachförderlich, weil sie konsequent auf Dialog statt Drill setzt. Falsch wäre gewesen: „Sag SCHLÄFT, nicht SCHLAFFEN" — das hätte beschämt und die Übergeneralisierung als Defizit behandelt statt als Entwicklungsschritt.
Aufgabe 4 — Drei Szenen + Leitsatz (Abitur-Niveau)
Szene A · Strenge Korrektur: Theoretische Verortung im Behaviorismus (Skinner) — Sprache wird durch Verstärkung/Tadel geformt, kindliche Äußerung wird als „falsch" markiert. Konsequenz: Mia erlebt ihr Sprachhandeln als unzureichend; Drill-Logik unterbricht den Dialog. „Wauwau!" ist aber kein Fehler, sondern eine Übergeneralisierung auf Tierebene — ein Lernzeichen. Skinner stößt hier an die Grenze, weil er nicht erfasst, dass das Kind eine Kategorie bildet.
Szene B · Gemeinsam benennen: Theoretische Verortung im Interaktionismus (Bruner, LASS) und in Tomasellos Usage-based-Theorie. Die Mutter geht in die geteilte Aufmerksamkeit (Triadik), greift die Geste auf, modelliert die korrekte Form ohne Tadel — klassisches Scaffolding / Recasting. Konsequenz: Mia erfährt ihre Äußerung als wirksam und bekommt das Sprachmaterial frei Haus geliefert.
Szene C · Keine Reaktion: Aus allen Theorien problematisch — selbst Skinner braucht eine Reaktion, um zu verstärken. Vor allem aber: Tomasello zeigt, dass vorsprachliche Förderung auf geteilter Aufmerksamkeit beruht. Wird die Zeigegeste ignoriert, fällt das gesamte Triadik-Gerüst weg. Konsequenz: Strukturelle Verarmung des sprachlichen Inputs — über die Zeit kritisch.
Möglicher Leitsatz (Beispiel): „Greife auf, was das Kind sprachlich anbietet — und modelliere die nächste Stufe, ohne zu korrigieren." Oder: „Sprachförderung beginnt mit deinem Blick — nicht mit deiner Korrektur."
Punkteverteilung (Vorschlag): Analyse aller drei Szenen je 2 P. (= 6 P.), differenzierende Beurteilung der Konsequenzen 2 P., gelungener Praxis-Leitsatz 2 P.